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13.09.2018 14:14

Wie ein Gymnasium in Boppard eine "Schule ohne Rassismus" wird

(Quelle: SWR - Aktuell)

In Rheinland-Pfalz gibt es 134 "Schulen ohne Rassismus - Schulen mit Courage". Heute folgt das Kant-Gymnasium in Boppard. Der Titel klingt gut, doch wie füllen ihn die Schüler mit Leben?

Es gibt eine Feierstunde, ein Schild, und als Patin wird Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erwartet. Das Kant-Gymnasium in Boppard wird heute zur "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" gekürt, es ist die 135. in Rheinland-Pfalz. Die Freude bei den Verantwortlichen ist groß, doch Schulleiter Wolfgang Spriewald weiß auch: "Es macht keinen Sinn, den Titel zu bekommen, und dann ist das Projekt tot."

Damit es nicht so weit kommt, gibt es Menschen wie Luna Mono. Die 17-Jährige ist Schülersprecherin an dem Gymnasium und seit mehr als zwei Jahren an dem Projekt beteiligt. "Wir erleben eine gesellschaftliche Entwicklung, die einem Angst machen kann", sagt sie im SWR Aktuell-Gespräch über ihre Motivation. "Wir jungen Leute sind die Zukunft. Und wir wünschen uns eine Zukunft, die von Offenheit und Toleranz geprägt ist."

Mehr als 80 Prozent der Schülerschaft zogen mit

Also hat Mono mit Mitschülern und ihren Kollegen aus der Schülervertretung Unterschriften gesammelt. 70 Prozent der Schülerschaft waren nötig, um dem "Schule ohne Rassismus"-Netzwerk beitreten zu können. Etwas über 80 Prozent der mehr als 600 Kant-Schüler haben sich laut Mono beteiligt. "Das ging ja über die letzten zwei Jahre. Wir haben uns gesagt, wir müssen mit jedem einmal über das Projekt gesprochen haben."

Wie spricht man mit Fünftklässlern über Diskriminierung?

Dabei blieb es nicht bei Unterschriften und Absichtserklärungen. Als Schülervertretung seien sie mit anderen Schülern in alle Klassenstufen gegangen, um nicht nur über Rassismus, sondern Diskriminierung im Allgemeinen zu sprechen. Auch mit den Jüngsten. "Da lässt man Begriffe wie Rassismus, Sexismus oder Homphobie weg, damit können sie meistens noch nicht viel anfangen", schildert Mono. "Wir haben mit ihnen Bilder gemalt, Geschichten geschrieben, zum Beispiel über Freundschaften, die keine Hautfarbe kennen. Wir haben darüber gesprochen, wie es ist, gemein zu sein oder Vorurteile zu haben."

Gerade mit den jüngeren Schülern darüber zu reden, sei eine schöne Erfahrung gewesen. "Es hat mich überrascht, wie ehrlich und sensibel sie dabei schon sind", berichtet die 17-Jährige. So habe ein Mädchen erzählt, wie ihre große Schwester mit dem Berufswunsch Polizistin gefragt wurde, ob das denn für ein Mädchen wirklich das Richtige sei.

 

Multikulturelles Buffet (Foto: privat)

Einfache Idee, schnell umgesetzt: Multikulturelles Buffet am Kant-Gymnasium zugunsten eines guten Zwecks. privat

Vom Archivprojekt zur NS-Zeit bis zum internationalen Buffet

Bei den Älteren sei Rassismus freilich in den Gesellschaftswissenschaften ein Thema. Es gebe Fahrten in das frühere KZ Buchenwald, alle zwölften Klassen reisten nach Berlin. "Das ist eine intensive und prägende Erfahrung, das schafft kein Geschichtsunterricht", sagt Mono. Ein Projekt im Schularchiv beschäftige sich mit der Schule in der NS-Zeit sowie dem Schicksal jüdischer Schüler. Dazu kämen einfache Ideen, die schnell im Alltag umsetzbar seien - vom Konzert der Musikfachschaft bis zum multikulturellen Buffet zugunsten eines guten Zwecks.

Nach der Feierstunde soll es in den nächsten Wochen zu den neuen Fünftklässlern gehen, um mit ihnen über das Thema zu sprechen. Und das Archivprojekt werde weitergeführt, sagt Mono. "Auf den Seminaren der Schülervertretungen überlegen wir uns auch neue Ideen." Die Zwölftklässlerin ist überzeugt, dass die Arbeit weitergehen wird. "Es gibt ganz viele Ideen von den Schülern, da müssen wir eigentlich keine Sorgen haben."

Schild nicht im Flur, sondern über dem Eingang

Auch die Symbolik soll dem neuen Titel gerecht werden. Das Schild soll nicht neben anderen Auszeichnungen im Flur hängen, sondern direkt über dem Schuleingang. Luna Mono: "Wenn also jemand die Schule betritt, wird er immer daran erinnert: Wir sind eine Schule ohne Rassismus und eine Schule mit Courage."

Bundesweit rund 2.800 "Schulen ohne Rassismus"

"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist ein Projekt des Vereins Aktion Courage e. V. und wurde in Deutschland 1995 ins Leben gerufen. Die zentrale Stelle für die Koordination des Netzwerkes ist in Berlin, die Kordination für Rheinland-Pfalz liegt bei der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz. Bundesweit wenden sich in dem Netzwerk rund 2.800 Schulen mit Aktionen und Projekten gegen Diskriminierung - vor allem Rassismus, Mobbing und Gewalt. Mindestens 70 Prozent der Schulgemeinschaft müssen eine Selbstverpflichtung unterschreiben, wenn ihre Schule Teil des Netzwerks werden soll. Die Initiative gibt es auch in einigen anderen europäischen Ländern.

(Quelle: Öffnet externen Link in neuem Fensterhttps://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/Titel-fuer-rheinland-pfaelzische-Schulen-Wie-ein-Gymnasium-in-Boppard-eine-Schule-ohne-Rassismus-ist,schule-ohne-rassismus-102.html )