Von einer unvergesslichen und prägenden Exkursion
Schon vergangenen Sommer wurde sie als eines der „Highlights“ der Oberstufe gehandelt: Die Berlin-Fahrt im Januar 2018. Ein volles Halbjahr hatten wir, der Sozialkunde - Leistungskurs der aktuellen Stufe 12 des Kant-Gymnasiums Boppard, uns mit dem politischen System der Bundesrepublik beschäftigt. Die Exkursion vom 17. – 19.1.18 sollte dazu dienen, die entsprechenden Abläufe in der Bundesrepublik Deutschland zu verdeutlichen. Was sie mit Bravour gemeistert hat.
Um 5:45 Uhr fuhr unser Zug in Koblenz ab. Solche Zeiten sind selbst wir als vermeintliche Frühaufsteher nicht gewohnt, die Müdigkeit erstreckte sich also vom ersten bis zum letzten Sitz unseres Abteils. Noch größer als die Müdigkeit war allerdings die Vorfreude und entgegen dem Gerücht „Schüler sind faul“ auch die Motivation, Neues zu entdecken und zu lernen. Durch die Fahrt mit einem ICE wurde die Reisedauer auf immerhin „nur“ fünfeinhalb Stunden reduziert, die wir entweder mit Schlafen, Lesen oder klassischen Nintendo DS-Spielen wie Mario Kart sehr kurzweilig gestalteten. Als wir dann gegen Mittag endlich in Berlin einliefen, war von der Müdigkeit nicht mehr viel zu sehen. Mit der S-Bahn fuhren wir zum Hotel, wo wir erst die Zimmer bezogen und dann einige Stunden Freizeit genießen konnten. Manch einer verbrachte diese auf dem Zimmer, um sich doch noch etwas von der Zugfahrt zu erholen, der Großteil der Gruppe startete jedoch eine kleine Erkundungstour durch Berlin, an deren krönenden Abschluss der gerüchteweise vorzügliche Berliner Döner gekostet wurde (dieses Gerücht erwies sich als wahr).
Am Nachmittag folgte dann gleich der erste Programmpunkt. Und der hatte es gleich in sich. Wieder mit der S-Bahn fuhren wir zum ehemaligen Stasi-Gefängnis und heutigen Gedenkstätte in Hohenschönhausen, durch die wir eine Führung gebucht hatten. Deren Leiter war früherer Insasse dieses Gefängnisses und erzählte uns lebhafte und nahegehende Einschnitte aus seiner Zeit in dieser Einrichtung eines totalitären Staates. In ganz großem Stil und mit einer direkten, persönlichen und äußerst bewegenden Erzählweise entlockte er mit seinen abschließenden Worten selbst denen von uns, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, die ein oder andere Träne. Festzuhalten bleibt ein äußerst bemerkenswerter Vortrag über Unterdrückung von Freiheit in der DDR, Freundschaft und Verbundenheit, den manch einer sicherlich für den Rest seines Lebens in Erinnerung behalten wird. Schon allein dieser Führung wegen hätte sich der durchaus überschaubare Eigenbeitrag von, abzüglich der Zuschüsse des Bundestages, der die Berlin-Fahrt regelmäßig unterstützt, nicht einmal 40 Euro schon gelohnt, wir bekamen für das Geld aber sogar noch mehr als das. Zum Abschluss des ersten Tages suchten wir aber erst einmal die Altstadt nach einem Restaurant ab, in dem wir zu Abend essen konnten. Letztendlich fiel die Wahl auf ein amerikanisches Diner. Weil uns immer noch die lange Fahrt in den Knochen steckte, waren wir danach nicht mehr sonderlich motiviert zu weiteren Aktivitäten, es ging also früh ins Bett, um genug Energie für den nächsten Tag zu sammeln. Die war auch nötig, denn uns erwartete ein strammes Programm.
Nach dem Frühstück ging es mit der U-Bahn in Richtung Bundestag. Wer schon einmal in Berlin war, der weiß vielleicht, was man zwischen U-Bahnstation und Bundestag zu erwarten hat: Deutschlands absolute architektonische Identifikationsfigur - das Brandenburger Tor. Kannten die meisten Kursteilnehmer es bisher doch nur von Bildern, war es noch größer und beeindruckender, als wir alle angenommen hatten. Nach einem kurzen „Fotoshooting“ zogen wir dann weiter in Richtung Bundestag.
Allerdings führte unser Weg nicht direkt ins allseits bekannte Reichstagsgebäude, sondern daran vorbei zu den Abgeordnetenbüros im Paul-Löbe-Haus. Nach kurzer Sicherheitskontrolle erwartete uns der Abgeordnete der Bundestagsfraktion der Linken, Alexander Ulrich, der uns einen interessanten und informativen Vortrag über die Arbeit der Politiker im Bundestag hielt. Leider war dieser, ob der anstehenden Plenarsitzung des Bundestages auf eine Stunde beschränkt, es konnten aber dennoch so gut wie alle Fragen zufriedenstellend beantwortet werden. Zum Abschluss gab es noch ein gemeinsames Foto auf einer der vielen Treppen des Gebäudes. Wir konnten von Glück sprechen, dass das Reichstagsgebäude nur einige Meter entfernt war, denn Wind und Schneeregen machten den Aufenthalt außerhalb geschlossener Räume beinahe unerträglich. Im Gebäude selbst konnten wir als erstes die Kuppel auf dem Dach ersteigen. Die Aussicht von ganz oben ließ keine Wünsche übrig, man konnte beinahe ganz Berlin überblicken. Danach hatten wir die Möglichkeit, einer Plenarsitzung des Bundestages beizuwohnen. Zwar war das in dem Zeitraum unseres Aufenthalts zur Debatte stehende Thema kein solches, das uns alle sonderlich stark interessiert hätte. Dennoch war es sehr interessant, selbst bei einem politisch derart nebensächlichen Thema wie „Gesunde Ernährung“ die politischen Orientierungen der verschiedenen Parteien und die Umwege, über die eine solche Debatte geht, nachzuvollziehen. Eine tolle Erfahrung war es auch, all diese Politiker, die man sonst nur aus Fernsehen und Internet kennt, mal aus nächster Nähe zu sehen. Wir hatten nämlich das Glück, dass zu Beginn der Sitzung eine Abstimmung über die Besetzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (Geheimdienst-Ausschuss) stattfand. Dementsprechend bekamen wir eine Menge bekannter Gesichter zu sehen, auch wenn beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Abstimmung das Weite suchte. Wir sahen also nicht nur, wie „Politik gemacht wird“, wie man ja gerne sagt, sondern gleichzeitig wuchs auch das Verständnis für die Abläufe und Strukturen in unserer Bundesrepublik.
Beflügelt von den wertvollen neuen Erfahrungen nahmen wir die nächste S-Bahn in Richtung Berlin-Mitte, wo wir das nächste Staatsorgan besichtigen konnten: den Bundesrat. Was gleich auffiel war, dass im Bundesrat alles viel „lockerer“ zuging. Anstelle von Taschenkontrollen und Metalldetektoren war hier nur eine einzige Sicherheitsvorkehrung vorhanden: eine Tür. Nach kurzer Wartezeit holte uns dann unser Gruppenführer ab. Da im Bundesratsgebäude kaum Betrieb stattfand, konnten wir direkt zum Foyer vorstoßen und ein schwer zu beschreibendes architektonisches Meisterwerk betrachten: Die Decke beinhaltet drei Löcher, durch die jeweils eine Stange, ähnlich eines Mikadostabes ragt. Diese sind ständig in Bewegung, ermöglicht wird das durch eine Art „dynamischen Griff“. Auf dem Boden unter dem mittleren der drei reihenweise angeordneten Löcher ist ein Spiegel eingebaut, zu dem uns unser Führer einige lustige Anekdoten erzählte. Was uns auch auffiel war, wie viel schöner das Bundesratsgebäude im Vergleich zum Reichstagsgebäude aussieht: Nicht nur das Foyer, sondern auch der Plenarsaal, in dem die Vertreter der Landesregierungen sitzen, hat einen deutlich größeren Charme als die blauen Drehstühle im Bundestag. Hier ist alles fein säuberlich mit Holz ausgearbeitet und die Flaggen der Länder werden groß hinter dem Sitz des Bundesratspräsidenten ausgestellt. Zum Abschluss der Führung nahmen wir an einer nachgestellten Bundesratssitzung teil. Wer die theoretischen Abläufe im Bundesrat bis dahin noch nicht nachvollziehen konnte, war spätestens nach dieser Simulation dazu in der Lage: Ein Mitglied des Kurses übernahm die Rolle der Bundesregierung und brachte einen Gesetzesvorschlag ein, ein weiteres Kursmitglied stellte den Bundesratspräsidenten dar, der den Landesregierungsvertretern, die von den restlichen Kursmitgliedern übernommen wurden, das Wort erteilte und sie ihre Änderungsvorschläge einbringen ließ. Auch hieraus konnten wir einiges mitnehmen und lernen: Denn Politik muss nicht immer hektisch sein, wie der Bundesrat eindrucksvoll bewies. Mit dem Ende der Führung endete auch der offizielle Teil unserer Exkursion, die aber dennoch noch nicht zu Ende war.
Vom Bundesratsgebäude aus mussten wir nur die Straße überqueren und standen schon in der bekannten „Berlin Mall“, in der wir uns zumindest für einen kurzen Zeitraum auf die Suche nach Souvenirs, Kleidung oder auch Essen begeben konnten, wobei für Letzteres an diesem Abend gesorgt sein sollte: Nach der Rückkehr von der Mall zum Hotel und einem kurzzeitigen Aufenthalt machten wir uns schon wieder auf den Weg. Diesmal wieder mit der U-Bahn steuerten wir Berlin-Kreuzberg an, einen der wohl sehenswertesten Teile unserer Hauptstadt. Ziel war die sogenannte „Markthalle 9“. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um eine alte Markthalle, in der es an verschiedenen Ständen, man möchte fast schon von kleinen Restaurants sprechen, eine riesige Auswahl zwischen allen auch nur irgendwie erdenklichen Formen internationaler Gerichte zu erwerben gab. Von simpler Bratwurst im Brötchen über marokkanisches Kuskus bis hin zu richtigen Krabbenburgern war hier alles dabei. So verstand es sich fast von selbst, dass jeder von uns mehr als nur ein Mal zuschlug.
Die Rückreise am nächsten Morgen war wohl das einzig Negative an der gesamten Fahrt. Wie schon am Vorabend befürchtet, machte uns das Sturmtief Frederike einen Strich durch die Rechnung. Unsere geplante Zuglinie entfiel, was dazu führte, dass wir eine umständliche Umplanung über Düsseldorf vornehmen mussten. Zu allem Überfluss waren all diese Züge maßlos überfüllt, da schon am Vortag der gesamte Fernverkehr gestrichen werden musste.
Doch trotz dieser Reisestrapazen kann man zu dieser Exkursion nur ein positives Fazit ziehen! Zahlreiche neue Erfahrungen, praktisches Wissen und eine Vertiefung unserer bisherigen Kenntnisse geben der Berlin-Fahrt definitiv ihre Berechtigung. Nicht zuletzt war bei all dem auch eine gehörige Portion Spaß dabei. Gerade einem Sozialkunde - Leistungskurs muss man eine solche Erfahrung ermöglichen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil unseres Kurses könnte sich durchaus vorstellen, beruflich eines Tages etwas in diese Richtung zu machen, sei es aktiv als Politiker, wenn auch nur auf kommunaler Ebene, oder eher wissenschaftlich, beziehungsweise theoretisch. Entgegen einiger Behauptungen ist auch der Eigenanteil durch Zuschüsse des Bundestages oder des Bundesrates äußerst überschaubar, denn wer kann schon von sich behaupten, für 50 Euro drei Tage in Berlin verbracht zu haben?
Maximilian Elsner (12SKL1HZ)



